Auf der Reise zu mehr digitaler Barrierefreiheit
Adrian Wegener

Auf der Reise zu mehr digitaler Barrierefreiheit

Adrian Wegener Project Manager

27.09.2022 • 7 Minuten Lesezeit

In diesem Insights-Artikel teilt Adrian Wegener, Project Manager bei Ergosign und Gründer von Eye Build It, sein Wissen und gibt Tipps, wie man – insbesondere als Unternehmen – an das Thema „digitale Barrierefreiheit“ herangeht. Adrian beschäftigt sich bereits seit Jahren intensiv mit den Themen Barrierefreiheit und inklusives Design und wurde dafür unter anderem durch den Deutschen Designrat, EU und UN ausgezeichnet.

Bereits seit der Zeit der Schreibmaschine gibt es innovative Menschen, die Technologien barrierefrei machen (Quelle). Auf Englisch wird der Begriff Accessibility verwendet. Durch Gesetze, wie beispielsweise den europäischen Rechtsakt zur Barrierefreiheit (Quelle), wird Accessibility immer mehr in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Insgesamt sind stark schwankende Aufwände aufseiten der Unternehmen nötig, um echte digitale Barrierefreiheit gewährleisten zu können. Diese lohnen sich jedoch aus gutem Grund:

„Accessibility-Maßnahmen sollen die größte Minderheit der Welt, 15% der Weltbevölkerung (Quelle), die Behinderungen haben, in den technologischen Alltag einbinden.“

Für viele Unternehmen stellt die Umsetzung von digitaler Barrierefreiheit durch mangelnde Erfahrungen oder fehlende persönliche Bezüge eine unklare Hürde dar. Was kommt auf einen zu, wenn man sich mit dem Thema beschäftigen möchte – oder es durch Gesetze muss?
Damit Hürden gefunden und entfernt werden können, müssen wir Barrierefreiheit und Inklusion erleben. Lernen durch Handeln. Klingt nach einem langen Prozess. Oft wünschen wir uns beim Lernen: „Hätte ich das früher gewusst, wäre ich viel weiter.“
Heute lassen wir diesen Wunsch Realität werden – ganz ohne Zeitmaschinen. Im Folgenden werden Fragen beantwortet, die ich mir zu Beginn meines Lernens über Barrierefreiheit selbst gestellt habe. Die Antworten, die aus mehreren Jahren intensiver Erfahrungen im Feld des inklusiven Designs kommen, sollen für alle Lesenden eine Beschleunigung beim Lernen bedeuten.

Wie viele Menschen braucht es, um eine barrierefreie Lampe einzubauen?

Bildschirme bestehen aus vielen Lampen und dienen meistens als Zugang zu einem digitalen Alltag. Wie sorgen wir dafür, dass dieser Zugang für möglichst viele Menschen funktioniert?
Maßnahmen können sein, dass wir Kontraste erhöhen, damit Informationen auch mit Sehschwächen gesehen werden. Wir machen uns Gedanken darüber, dass manche Menschen diese Lampen nicht sehen können, und bieten Alternativen an. Wir stellen fest, dass Personen mit geistigen Beeinträchtigungen das Licht wahrnehmen können, aber je nach Struktur die Informationen dahinter nicht verstehen. Die einzelnen Maßnahmen klingen einfach. Sie funktionieren jedoch erst, wenn sie im Kontext und unter Einbindung aller Nutzenden betrachtet werden.
Also zur Lampenfrage: Wir brauchen ganz viele Menschen – damit wir feststellen, dass die Lampe gar nicht für alle kaputt ist und manche Menschen lieber einen besseren Lautsprecher oder eine Anleitung hätten.

Ich mache mich auf die Reise zu mehr digitaler Barrierefreiheit. Was packe ich in meinen Koffer?

Wie bei der ersten Frage auffällt, hat Barrierefreiheit viel mit der Denkweise zu tun. Barrierefreiheit lässt sich nicht einfach wie eine Checkliste abarbeiten.

In diesem Sinne hier eine Checkliste der Dinge, die auf dem Weg zu mehr digitaler Barrierefreiheit unterstützen können:

Youtube Video: Why we need to shape an inclusive digital future
Durch Abspielen des Videos werden personenbezogene Daten an die Betreiber des Videoportals (Youtube oder Vimeo) übertragen. Weitere Infos dazu gibt es in unserer Datenschutzerklärung.

Welche Barrieren gibt es beim Entfernen von Barrieren?

Dies kann ein einschüchterndes Thema sein und die Abwehrhaltung erzeugen: „Das brauchen wir nicht! Wir haben keine Nutzenden mit Behinderungen.“ Hier ist es manchmal schwierig, zu überzeugen. Häufig stellt sich aber heraus, dass diese Annahme doch nicht stimmt und nur nicht mit den Nutzenden darüber gesprochen wurde.
Aber was tun, wenn es wirklich keine Nutzenden mit Behinderungen gibt? Dann ist das eine riesige, vertane Chance! Kein Projekt sollte freiwillig oder aus Unwissenheit so viele Menschen ausschließen und auf 15 % des Marktes verzichten. Denn schlussendlich bedeutet mehr Inklusion auch größeres Potenzial.

Darstellung der Phasen
Darstellung von 4 Phasen von Exklusion über Separation und Integration hin zu Inklusion. Gesellschaftlicher, sozialer und wirtschaftlicher Mehrwert entsteht durch mehr Inklusion, da alle Personen im gleichen Kontext ohne Hürden miteinander interagieren.

Häufig begegnen einem offene Türen mit diesem sozialen Thema und gerne wird mit Unterstützung in die konkrete Umsetzung gegangen.

Muss ich mich vor Klagewellen durch Barrierefreiheitsgesetze sorgen?

Für öffentliche Stellen gelten schon seit einigen Jahren die Regeln der Verordnung BITV, die eine barrierefreie Umsetzung von digitalen Diensten regelt. Nun wird ab dem Jahr 2025 eine ähnlich funktionierende Verordnung mit der Abkürzung BFSGV für die private Wirtschaft gelten. Diese Regeln sorgen für besser verständliche und bedienbare Produkte. Das ist ein Gewinn für alle. Wenn die Regeln nicht rechtzeitig umgesetzt sind, können – wie beim Datenschutz DSGVO – Strafen durch Anwälte, Prüfstellen oder in diesem Fall sogar Vereinsklagen drohen. Daher bietet es sich an, rechtzeitig mit der Umsetzung der Anforderungen anzufangen, da diese nicht wie eine Datenschutzerklärung einfach „angehängt“ werden können.

Gesetzeskonstrukt
Grafik zur Darstellung einiger Gesetze für Barrierefreiheit. Kernaussage: BITV und BFSGV basieren auf EU-Richtlinien, die sich am internationalen WCAG-Standard bedienen.

Ich kenne keine Menschen mit Behinderungen. Welche Anforderungen gibt es?

Wichtig ist, dass Anforderungen von Nutzenden mit und ohne Beeinträchtigungen berücksichtigt werden. Hier soll niemand in der Umsetzung allein gelassen werden. Menschen mit Behinderungen können nicht jedes Produkt und jede Dienstleistung der Welt selbst barrierefrei machen. Es muss in nutzerzentrierten Prozessen gearbeitet werden, wie es für Usability-Expert:innen üblich ist.
Die Angst „Ich habe selbst keine Beeinträchtigung und kann in diesem Bereich nichts machen“ ist dabei völlig unbegründet. Das wäre so, als dürften nur schwangere Frauen Produkte für schwangere Frauen entwickeln. Ergibt auch keinen Sinn.

Ich bin überzeugt. Wie überzeuge ich andere?

  1. Mit gutem Beispiel vorangehen und barrierefrei entwickeln!
  2. Andere Entscheidende mit den Vorteilen überzeugen: Dazu zählen soziale Inklusion, Usability-Optimierung, Rechtssicherheit, Markterweiterung, SEO-Optimierung und viele mehr.
  3. Mit Expert:innen und Nutzenden gemeinsam in das Thema einsteigen. So lässt sich herausfinden, welche Aufgaben wirklich gemacht werden müssen. Wir unterstützen hier gerne.
  4. Inhalte zu Barrierefreiheit mit anderen teilen, um mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen.
  5. Durch Kaufentscheidungen von inklusiven Produkten Barrierefreiheit unterstützen.

Ergosign beschäftigt sich intern und in vielzähligen Kunden- und Forschungsprojekten intensiv mit dem Thema Barrierefreiheit. Weitere Insights-Artikel in diesem Themenbereich lassen sich hier finden:

Forschungsprojekt AVASAG

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