Die Energiewende digital meistern: UX-Expertise für den Sektor von morgen
Die Energiewende ist weit mehr als nur der Ausbau von Wind- und Solarkraft. Sie ist eine digitale Herkulesaufgabe. Zwischen komplexen Tarifen, Smart-Meter-Rollouts und dem Wunsch der Kunden nach Transparenz klafft oft eine Lücke in der Nutzbarkeit.
Doch wie gelingt eine optimale Digital Experience in einem so technokratischen Sektor? Und welche Rolle spielen dabei Menschzentrierung und digitale Barrierefreiheit?
Wir haben drei Expert:innen aus der Praxis um ihre Einschätzung gebeten:
Lena Wirth (Senior Project Manager, Ergosign)
Stefan Kiefer (Lead UX Designer, Ergosign)
Stefan Mayer (UX Designer, Yippie)
Was macht eine optimale Digital Experience (speziell im Energiesektor) für Dich aus?
Stefan Mayer: Für Menschen außerhalb der Branche ist Energie meist ein Low-Interest Thema. Man wacht nicht morgens auf und denkt als erstes daran, seinen Stromtarif zu wechseln. Energie ist für viele ein Pflichtthema, oft mit Unsicherheit verbunden.
Daher muss DX vor allem eins leisten: Komplexität für Anwender:innen unsichtbar (machen) und energiespezifische Themen begreifbar machen. Eine optimale DX respektiert die Zeit unserer Kund:innen, spricht ihre Sprache und gibt ihnen das Gefühl, alles im Griff zu haben – auch wenn im Hintergrund komplexe Abrechnungslogiken, Marktkommunikation und regulatorische Anforderungen laufen.
Im Idealfall erleben Menschen Yippie als verlässlichen Begleiter im Alltag: friktionsfreie Prozesse, keine bösen Überraschungen, und immer das Gefühl: „Ich habe die Kontrolle – und werde ernst genommen”, egal ob auf der Website oder im Kundenportal.
Welche Rolle spielen Design Systeme für ein konsistentes Markenerlebnis – besonders in komplexen Energie-Ökosystemen?
Stefan Mayer: Design Systeme sind für uns das Rückgrat unserer Markenidentität. Im Energiesektor haben wir es mit einem unglaublich fragmentierten Ökosystem zu tun: Website, Kundenportal, Dynamische Tarife, Zählerstandserfassung, Tarifwechsel, Umzug u.v.m. aber auch der Yippie Online-Shop - überall muss der Kunde sofort erkennen: „Das ist mein Anbieter.”
Unser Design System stellt sicher, dass sich Yippie überall gleich „anfühlt“: Es sorgt dafür, dass ein Button überall gleich aussieht und sich gleich verhält, dass Farben, Typografie und Tonalität konsistent sind. Das schafft Vertrauen. Gerade bei einem Produkt, das man nicht anfassen kann, ist dieses visuelle und interaktive Versprechen entscheidend.
Für die Entwicklung bedeutet es außerdem enorme Effizienzgewinne: Neue Features können schneller ausgerollt werden, weil die Bausteine bereits existieren und barrierefrei getestet sind.

Was bedeutet Barrierefreiheit ganz persönlich für Dich?
Stefan Mayer: Für mich persönlich bedeutet Barrierefreiheit Gleichberechtigung und Fairness. Werte, über die man nicht diskutieren muss. Im digitalen Raum wird das Thema allerdings leider immer viel zu oft als „unangenehme Pflicht“ oder „nice-to-have“ wahrgenommen. Wenn man jedoch mal versucht hat, sich lediglich mit Tastatur oder ohne Monitor nur per Screenreader auf einer Website zurechtzufinden, wird schnell klar: Die meisten Websites sind so kaum verwendbar. Oft hört man Aussagen wie „Ja … aber wie viele unserer User:innen betrifft das denn?!“ - Selbst wenn es nur wenige wären: Energie ist ein Grundrecht – und unser digitales Angebot muss für alle nutzbar sein.
Wenn wir unsere Services einem (gar nicht mal so geringen) Teil der Menschen vorenthalten, tragen wir aktiv zu Ungleichheit bei. Barrierefreiheit zu gewährleisten, bedeutet Haltung zu zeigen.
A11y-Projekte sind oft Marathon-Sitzungen. Was war die technisch, gestalterisch oder konzeptionell härteste Nuss, die wir gemeinsam knacken mussten?
Stefan Mayer: Die härteste Nuss war für mich eindeutig die barrierefreie Darstellung und Interaktion der Vertragsdaten und -funktionen im Kundenportal. Hier gibt es mehrere ineinander verschachtelte Tab-Menüs, mit auf die dargestellte Tarifart spezifischen Darstellungsweisen und Interaktionen. Tastatur-Navigation, Screenreader-Funktionalität, dynamische Headline-Hierarchien, benutzerspezifische Farben und „ich-weiß-nicht-mehr-was-alles“. Hier waren so viele einander bedingende Anforderungen zu erfüllen, dass wir in mehrere Runden gegangen sind:
semantische Struktur überarbeitet
Tastaturfokus- und Lesereihenfolge justiert
Textalternativen bzw. ARIA-Attribute bzw. -Rollen definiert
Farbkontraste optimiert
Entscheidend war hier vor allem, dass das bereits modulare Konzept uns in die Lage versetzt hat, diese Mammut-Aufgabe in kleineren Einheiten separat anzugehen.

Im Energiemarkt ist Vertrauen die wichtigste Währung. Wie zahlt eine exzellente und barrierefreie UX direkt auf die Markenloyalität bei Yippie ein?
Stefan Mayer: Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit – und eine barrierefreie UX ist der sichtbare Beweis dafür, dass wir es ernst meinen. Wenn ein:e Kund:in merkt, dass wir an jeden gedacht haben, signalisiert das: „Diesem Unternehmen sind Menschen wichtig, nicht nur Zahlen."
Weniger Frustration → weniger Kündigungen aus Frust
Positive Überraschungen → wenn etwas einfach funktioniert, werden Erfahrungen geteilt und weiterempfohlen
Inklusion schafft Community → Wenn Menschen mit Einschränkungen positive Erfahrungen machen, sprechen sie darüber – in Foren, Selbsthilfegruppen, sozialen Medien
Gerade im Kundenportal, wo es um Geld, Verträge und sensible Daten geht, ist eine positive Erfahrung enorm wertvoll und zahlt langfristig auf Loyalität und Weiterempfehlung ein.
Für mich ist die Gleichung recht einfach: Je weniger Friktion und Unsicherheit unsere digitalen Touchpoints erzeugen, desto stärker wird Yippie als fairer, moderner und verantwortungsvoller Energiepartner wahrgenommen.
Energiewende, Smart Meter, flexible Tarife – wir müssen unser Verhalten anpassen. Wie kann Design helfen, diesbezüglich Barrieren im Kopf aller abzubauen?
Stefan Mayer: Gutes Design baut mentale Barrieren ab, indem es:
Überforderung reduziert,
Ängste durch transparente Erklärungen adressiert,
spielerische Elemente einsetzt (z. B. kleine Erfolge, Fortschrittsanzeigen),
Experimente erlaubt („Was wäre, wenn ich meine Gewohnheiten so anpasse?“), ohne direkt finanzielle Risiken zu erzeugen.
So wird aus „Ich blick da eh nicht durch“ eher ein „Ich probiere das mal aus“ – und genau diese Haltung brauchen wir für eine erfolgreiche, sozial verträgliche Energiewende.
Abschließend ein Blick in die Zukunft: Was sind DIE Technologien und Services, die 2026 Mehrwerte für Lösungen in der Energiebranche schaffen? Warum?
Stefan Mayer: Aus UX-Sicht sehe ich 2026 vor allem drei Bereiche, die echten Mehrwert stiften – wenn sie gut gestaltet und barrierefrei umgesetzt werden:
KI-gestützte Personalisierung – Nicht als Buzzword, sondern praktisch: Chatbots, die wirklich helfen. Die Technologie ist reif – jetzt geht es um sinnvolle, barrierefreie Integration.
Hochgradig automatisierte, aber transparente Self-Services:Viele Serviceanliegen – von Vertragswechseln über Umzüge bis hin zu Abschlagsanpassungen – können wir weitgehend automatisieren.
Intelligente, personalisierte Energieassistent:innen:Auf Basis von Smart Meter-Daten, Tarifstruktur und individuellen Lebensmustern können wir konkrete, alltagstaugliche Vorschläge machen:„Wenn du diese drei Gewohnheiten änderst, sparst du ca. X % Kosten – ohne Komfortverlust.“ Wichtig wird sein, das transparent und erklärbar zu machen, statt nur „Blackbox-Empfehlungen“ auszugeben.
Am Ende gilt: Technologien sind nur das Fundament. Der wirkliche Mehrwert entsteht erst dort, wo wir sie konsequent aus Sicht der Menschen denken, klar erklären und für alle zugänglich machen – unabhängig von Fähigkeiten oder Geräten.