Collaborative UX — ein Interview mit Dieter Wallach und Toni Steimle
Dieter Wallach Toni Steimle Esther Barra

Collaborative UX — ein Interview mit Dieter Wallach und Toni Steimle

Dieter Wallach Managing Director

Toni Steimle UX Director & Head of Site Zürich

Esther Barra Senior Communication Manager

30.11.2022 • 7 Minuten Lesezeit

Vor Kurzem ist die zweite Auflage des Buchs „Collaborative UX“ von Toni Steimle (UX Director & Head of Site Zürich) und Dieter Wallach (Managing Director) erschienen. Anlässlich dazu gab es einen kurzen Fotoshoot mit den stolzen Autoren und dabei hat sich Senior Communication Manager Esther Barra die beiden geschnappt, um ihnen ein paar Fragen zu Collaborative UX, den Verbesserungen in der zweiten Auflage und dem gemeinsamen Schreibprozess zu stellen.

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Was ist der größte Vorteil oder Mehrwert von Collaborative UX Design?

Dieter: Collaborative UX Design bezieht unterschiedliche Perspektiven und Ziele aller beteiligten Stakeholder in die Produkt- und Serviceentwicklung ein. Die cross-funktionale Kollaboration hilft uns dabei, innovative Lösungen zu entwickeln. Erfolgreiches UX Design verstehen wir als sorgfältige Balance unterschiedlicher — sich teilweise widersprechender — Anforderungen. Zum Beispiel Bedürfnisse, die sich von Nutzenden ergeben, technische Rahmenbedingungen oder auch Anforderungen, die aus dem Businessmodell folgen. Diese verschiedenen Sichtweisen werden in kollaborativen Workshops methodisch unterstützend eingebracht — auch, wenn das eine vielleicht erschütternde Nachricht für manche UX Designerinnen und Designer ist, die sich als Heldinnen und Helden verstehen: Für Heros, die allein eine Produkt- oder Serviceentwicklung verantworten wollen, haben wir keine Rolle. Wir verstehen uns im UX Design eher in der Funktion von Dirigent:innen. Wir orchestrieren die Kollaboration, fördern, methodisch unterstützt, die emphatische, auf ein gemeinsames Ziel gerichtete Zusammenarbeit bei der Produkt- oder Serviceentwicklung. Darin sehe ich das zentrale Anliegen unseres Vorgehensmodells.

Wie kam es zu überhaupt zu eurem ersten Buch?

Dieter: Toni und ich sind schon lange befreundet und auch fachlich verbunden. In unseren Diskussionen haben wir darüber gesprochen, dass wir beide kein Lehrbuch kennen, in dem wir alle Perspektiven, die wir bei der Entwicklung innovativer Systeme für relevant halten, in einer praxisorientierten Weise vereint sahen. So entstand die Idee, ein Lehrbuch zu schreiben, dass diese Lücke füllt. In unserem Buch steht im Mittelpunkt ein Fallbeispiel, das wie ein roter Faden durch die Anwendung eines Prozessmodells führt. Unser Ziel war es, Lean UX, Design Thinking, agile Entwicklung und mensch-zentriertes Design anschaulich in ihrem Zusammenwirken zu verknüpfen. In unseren Vorlesungen haben wir gemerkt, wie sehr Studierende es schätzen, wenn wir Methoden, Praktiken und Theorien praxisorientiert anhand konkreter Beispiele vorstellen. Deshalb haben wir für unser erstes gemeinsames Buch ein Fallbeispiel entwickelt, anhand dessen wir konkret illustrieren, was wir inhaltlich auf theoretisch-methodischer Ebene vermitteln möchten. Lesende begleiten im Buch ein Team, das sich mit der Überarbeitung einer bestehenden Software beschäftigt. Ein Vorgehensmodell zeigt dabei sowohl die fortlaufende Standortbestimmung im Projektverlauf, als auch die zielorientierte Auswahl nächster Aktivitäten. Wir haben in unserem Fallbeispiel mit Absicht keine Neukonzeption eines Produktes oder Services gewählt, denn tatsächlich kommen in der Praxis häufiger Produktrevisionen als komplette Neuentwicklungen vor.

Toni: Wir haben in unserem Buch sowohl etablierte als auch weniger bekannte Methoden beschrieben — vor allem kam es uns dabei auf deren Zusammenspiel mit kollaborativen Workshops an. Die Anwendung von UX-Methoden ist oft eine Herausforderung für Designer:innen — unser Buch ist ein Versuch, diese praxisnah und pragmatisch zu beschreiben und damit die Zusammenarbeit mit anderen Stakeholdern zu strukturieren. Visualisierungen sind dafür bedeutungsvoll, daher haben wir im Buch durchgehend Maps verwendet, in denen wir Ergebnisse für alle nachvollziehbar festhalten. Selbstverständlich ist Kollaboration nicht in jeder Situation gefragt oder auch sinnvoll: Manche Methoden lassen sich in Einzelarbeiten besser anwenden — die daraus resultierenden Ergebnisse werden dann gemeinsam zusammengeführt.

Dieter: Nicht bei jedem Projekt ist die vollständige Anwendung aller vorgestellten UX-Methoden notwendig oder ratsam: Die konkrete Auswahl hängt von der jeweiligen Ausgangslage und den verfolgten Zielen ab. In unserem Buch haben wir Methoden dargestellt, mit denen wir besonders positive Erfahrungen gemacht haben. Selbstverständlich gibt es noch weitere bedeutsame Praktiken, die wir hier nicht berücksichtigt haben, denn aus unserer Sicht bilden die vorgestellten Methoden ein solides Gerüst für ein agiles, mensch-zentriertes Vorgehensmodell. Wir wollten erklären, warum die skizzierten Workshops in einer logischen Sequenz zueinander stehen, und die Ergebnisse der Anwendung von Methoden aufeinander aufbauen. Die erste Auflage von »Collaborative UX Design« haben wir selbst in der Lehre eingesetzt und dadurch verstanden, an welcher Stelle Ergänzungen für eine bessere Nachvollziehbarkeit notwendig sind und wo mehr Theorie zur Fundierung erforderlich ist.

Das ist sicherlich sehr aufschlussreich, wenn ihr wirklich direktes „Marktfeedback“ erhalten habt. Was ist neu in der zweiten Auflage?

Dieter (lacht): Die Farbe!
Insgesamt haben wir die theoretische Fundierung verstärkt. Dabei sind wir einen Mangel angegangen, der uns bei dem ersten Buch schon bei der Abgabe des Manuskriptes störte: Das Thema der agilen Verzahnung von UX Design und Development war nicht ausführlich genug dargestellt. In der zweiten Auflage haben wir diesen Mangel behoben. Ebenso haben wir neue Methoden integriert, die in der Praxis wertvolle Erkenntnisse liefern, aber auch leichtgewichtig und einfach anwendbar umzusetzen sind.

Toni: Tatsächlich haben wir das Feedback zur ersten Auflage in die neue Auflage einfließen lassen. So haben wir Aktivitäten, die zwischen den gemeinsamen Workshops im Projektteam, stattfinden, erläutert und dabei Praktiken vorgestellt, die sich allein oder in Zweiergruppen effizienter und effektiver durchführen lassen. Manche Inhalte sind in der zweiten Auflage ganz neu, wie das Kapitel über Research, oder die erwähnte Verzahnung mit dem Development. Insgesamt haben wir einen großen Teil neu geschrieben und sehr vieles überarbeitet.

Super! Das klingt nach einer Menge neuem Inhalt. Wer sollte dieses Buch lesen?

Dieter: Laut Buchumschlag richtet sich das Buch an UX Designer:innen, Produktdesigner:innen, Softwaredesigner:innen, Produktmanager:innen und Innovationsteams. Diese Liste lässt sich durchaus erweitern, denn tatsächlich richtet sich das Buch an alle Menschen, die daran interessiert sind, innovative Produkte und Services, mensch-zentriert zu entwickeln. Dies können, müssen aber nicht UX Designer:innen sein — es geht ja um die Zusammenarbeit in cross-funktionalen Teams.

Dieter Wallach und Toni Steimle im Interview zu ihrem Buch Collaborative UX Design
Dieter Wallach und Toni Steimle im Interview zu ihrem Buch Collaborative UX Design

So ein Buch zusammen zu schreiben ist sicher nicht ganz einfach. Wie hat die deutsch-schweizerische Kollaboration zwischen euch beiden während dem Schreiben denn geklappt?

Dieter Obwohl wir es uns diesmal unbedingt vorgenommen haben, haben wir es nicht geschafft, uns zum Schreiben zu treffen – nicht ein einziges Mal. Wir haben online am selben Dokument gearbeitet und oft über die Kommentarfunktion kommuniziert, uns Nachrichten geschrieben oder uns im Videomeeting abgestimmt. Unsere Zusammenarbeit klappte noch besser als beim ersten Buch. Toni und ich kennen uns schon sehr lange und haben großes Vertrauen ineinander: wenn einer schreibt, dann überarbeitet der andere. Nach Besprechungen oder Diskussionen zu einem Text konnte er danach ganz anders aussehen — oder auch fast gleich bleiben, weil wir einander mit guten Argumenten, Projekterlebnissen oder Literaturquellen überzeugen konnten.

Toni: Für das erste Buch mussten wir das Vorgehensmodell in seinen Grundlagen erst mal entwickeln. Das bedeutet, wir mussten uns zunächst über Strukturen und Prozesse des Vorgehensmodells einigen, bevor wir mit der eigentlichen Beschreibung beginnen konnten. Hierzu waren durchaus einige Diskussionen notwendig.
Bei der zweiten Auflage ging es eher um Verfeinerungen, Verbesserungen und Ergänzungen. Das hat es einfacher gemacht, denn wir konnten ohne Grundsatzdiskussionen direkt loslegen und dadurch zielgerichteter arbeiten. Zwischen Dieter und mir ist die Zusammenarbeit von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Besser kann sich eine Zusammenarbeit nicht anfühlen. Es gab nie den Fall, wenn Dieter mal etwas online korrigiert hat, dass ich das Gefühl hatte: Das muss ich jetzt wieder rückgängig machen oder das hat er jetzt falsch gemacht – das gab es tatsächlich kein einziges Mal. Und umgekehrt war es immer so, dass er sich auch auf meine Argumente eingelassen hat.

So viel Harmonie in der Zusammenarbeit klingt beneidenswert! Abschließend interessiert mich noch: Würdet ihr nochmal zusammen im Buch schreiben?

Dieter: Ja, auf jeden Fall! 🙂

Toni: Ja! Wir haben auch schon einen Plan.

Dieter: Mit Toni schreibe ich sehr gerne — es ist mir einfach ein Fest. Natürlich diskutieren wir gerne miteinander — wir wollen ja voneinander lernen und unsere unterschiedlichen Schwerpunkte und Erfahrungen einbringen. Auch wenn wir im gleichen Bereich arbeiten: unser Austausch ist letztlich ein Beispiel einer disziplinübergreifenden Kollaboration. Wir respektieren uns und schätzen die jeweils andere Perspektive. Ich denke, daher kommt ein Teil der „Magie“.

Toni: Schön ist außerdem, wenn beide den gleichen Grad an Flexibilität haben, auch von eigenen Gedanken wieder loszulassen, sie nochmals zu hinterfragen und sagen „Ja, stimmt. Eigentlich hast du Recht.“ Ich glaube, das ist entscheidend. Das Buch physisch in den Händen zu halten, freut mich. Wenn dir jemand eine Mail schreibt und sagt: In unserer Firma haben wir den kollaborativen Designprozess eingeführt und wir arbeiten jetzt danach. Das ist echt verrückt!

Esther: Verrückt gut! Herzlichen Dank für das nette Gespräch und die interessanten Hintergrundinformationen. Wir sind schon sehr gespannt, was als nächstes Werk von euch erscheinen wird und wünschen allen Leserinnen und Lesern eine gute Lektüre mit spannenden Insights für ihren Berufsalltag.

Wer sich jetzt das Buch auch besorgen möchte, kann das entweder im Buchladen des Vertrauens tun, oder es gleich hier beim Verlag bestellen.

Dieter Wallach und Toni Steimle mit der 2. Auflage ihres Buches Collaborative UX Design
Dieter Wallach und Toni Steimle mit der 2. Auflage ihres Buches Collaborative UX


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