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Industrie 4.0 – Vom Bediener zum Zuschauer? Teil 2

Im ersten Teil des Beitrags lag der Fokus auf den allgemeinen Auswirkungen der Industrie 4.0. Im folgenden, zweiten Teil beschäftigt sich Jan Groenefeld (Senior UX Designer, Lead Industry Solutions) mit den resultierenden Anforderungen an moderne HMIs.

Anforderungen an moderne HMIs – So nutzen Sie die industrielle Revolution 4.0

Bei allen Herausforderungen bleibt ein riesiges Potential für die Wirtschaftlichkeit der Produktion und Wettbewerbsfähigkeit im Allgemeinen. Während einige Problemfelder erst mit der Zeit sicher beurteilt werden können und andere zunächst auf technischer Seite gelöst werden müssen (z.B. Verfügbarkeit, Systemstabilität), kann anderen Aspekten gezielt durch modernes UI Design begegnet werden.

„Deskilling“ erfordert ein deutlich erweitertes Sichtfeld beim Design solcher Systeme. Der Schlüssel liegt in der Verfolgung eines holistischen User-Experience-Ansatzes, der die Abstimmung von Befindlichkeiten der verschiedenen Akteure und vermeintlichen Randaspekte sinnvoll vereint. Das positive Nutzungserlebnis kann den Bediener gezielt in den mittlerweile hochgradig automatisierten Prozess re-integrieren. Die Möglichkeit, der Maschine unter Umständen die Kontrolle in letzter Instanz wieder entziehen zu können, spielt hierbei eine entscheidende Rolle.

Der positive Effekt kann zudem durch ein einheitliches Bedienwerkzeug (Service und Monitoring) unterstrichen werden. Die Heterogenität des Maschinenparks darf sich nicht im UI Design niederschlagen. Fairerweise sei erwähnt, dass die Schaffung von standardisierten Schnittstellen im Rahmen von Industrie 4.0 derzeit noch in den Kinderschuhen steckt. Gleiches gilt für ein optimiertes Fehlerhandling. Kontrolle und Transparenz können jedoch durch Einheitlichkeit und optimierte Handlungsempfehlungen gestärkt werden.

Der verstärkte Einsatz von mobilen Endgeräten bringt, neben den klassischen Design-Anforderungen wie Kontrast, Platz und Touch-Interaktion, auch interessante Technikimpulse mit sich, die es sinnvoll in den Arbeitsprozess zu integrieren gilt. Neben GPS und NFC, beispielsweise zur geographischen Ortung und Führung des Bedieners, können eingebaute Kameras zur digitalen Dokumentation im Fehlerfall beitragen oder Potential für Augmented-Reality-Anwendungen bieten.

Ein interessanter Aspekt der mobilen Geräte besteht abschließend darin, dass diese in der Regel genau einem Bediener zugewiesen sind. Diese Personalisierung erlaubt beispielsweise Favoritenkonzepte, die bei Multi-User-Systemen nur über den Umweg von Login-Mechanismen zu erreichen wären.

Fazit: Vom Bediener zum Dirigenten!

Die eingangs gestellte Frage nach „Bediener oder Zuschauer?“ möchte ich mit einem klaren „vielleicht“ beantworten. Das bisherige Verständnis von Bedienung im klassischen, lokalen Sinne wird sich nachhaltig ändern müssen. So ist zu erwarten, dass sich das Aufgabenfeld eines Bedieners weg von der unmittelbaren Befehlsgewalt deutlich hin zum „Beobachter und Dirigenten“ entwickeln wird. Die Bedienung erfolgt künftig verstärkt mobil und durch das Lenken der übergeordneten Prozesse. Der Echtzeit-Charakter verlangt jedoch auch weiterhin aktive Bedieneingriffe durch den Anwender.

Vielteiligkeit, Heterogenität und die automatisierungsbedingt zunehmende Prozessgeschwindigkeit erfordern unter Umständen ein anspruchsvolleres Fähigkeitsprofil des Maschinenbedieners. Die Begegnung dieser Herausforderungen mit einem holistischen und konsistenten User Experience Design erleichtert den Um- und Einstieg für den Bediener 4.0 in diese Welt erheblich.

Weiterhin ist zu vermuten, dass sich neben bisherigen Softwareausprägungen im industriellen Umfeld der Anwendungstyp des „Mobile Condition Monitoring“ etablieren wird. Hierbei gilt es, ganz eigene, teils neue Herausforderungen in Gestaltung und Technik zu meistern. Inwieweit dieser Ansatz klassische SCADA und MES Ableger ergänzen oder verdrängen wird, hängt sicher nicht zuletzt an der Qualität der nun folgenden Gehversuche.

Sicher ist die Industrie 4.0 nicht die letzte industrielle Revolution. Durch ihr hohes Maß an Interdisziplinarität stellt sie jedoch spezielle Herausforderungen an eine Vielzahl von Technik- und Designlieferanten, zu denen wir als UX Designer gerne unseren Beitrag leisten und uns gemeinsam mit unseren Kunden auf spannende neue Anwendungsszenarios freuen.

Jan Groenefeld (Senior UX Designer, Lead Industry Solutions)